Die Kraft der Steinpalme

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Von Holger Hartwig*

Jeder kennt diese Tage im Leben. Es taucht ein Problem auf oder es ergibt sich eine Situation, in der alles aussichtlos erscheint, der Frust riesengroß ist und sich die Frage des „Warum?“ stellt. Wenn also wieder einmal die Lage schwierig ist oder gar der Sinn des Lebens in Frage steht, dann kann die kleine Legende von der Steinpalme in der Sahara Kraft geben, die mir vor 35 Jahren erzählt wurde und die heute in den verschiedensten Ausprägungen im Internet zu finden ist. Das Original ist von Pet Partisch, die in Nahe bei Bad Segeberg gelebt hat und 1999 verstorben ist. Ich gebe die Geschichte in Kurzfassung in meinen Worten wieder:

Mitten in der Sahara, irgendwo im Niemandsland. Die Sonne scheint und ein skrupelloser Mann kommt des Weges und erinnert sich, dass er vor vielen Jahren schon einmal hier war. Damals stand am Rand eine kleine Palme. Er erinnert sich – und wundert sich. Denn am Straßenrand steht die schönste Palme der Region…

 Was ist der Legende nach passiert? Der Palme geht es gut, bis zu dem Tag, als dieser Mann kam. Ihm haben Durst und Hitze fast den Verstand geraubt, er hatte Schmerzen am gesamten Körper und Angst um sein Leben. Dann sieht der Mann den Palmsprößling stehen in hellem Grün und voller Hoffnung auf jeden neuen Tag. „Warum lebst du?“ schrie der Mann. „Warum findest du Nahrung und Wasser, während ich verdurste? Du sollst nicht leben!“ Mit seiner wenigen Kraft nahm er einen Stein und drückte ihn in in das Kronenherz der Palme. Der Mann bricht dann neben der kleinen Palme zusammen. Zwei Tage später finden ihn Kameltreiber. Von den Treibern kümmerte sich keiner um den zerschmetterten Palmbaum. Er bleibt unter der Last des Steines begraben, sein Tod ist unausweichlich. Doch: Der Mann hatte die kleine Palme zwar verletzt, aber nicht töten können…

 Die Palme versucht in den Tagen danach immer wieder mit aller Kraft, den Stein mit Hilfe des Windes aus der Krone abzuwerfen. Es ist ein täglicher Kampf zwischen Verzweiflung und Aufgabe („Der Stein ist zu schwer, ich werde sterben“) und dem Wunsch, nicht aufzugeben. Wie es in solchen Geschichten dann gerne einmal passiert, kommt eine innere Stimme. Sie hört sich das Hadern der Palme an und sagt dann: „Wieso willst Du den unbedingt abwerfen? Versuche doch, die Last des Steines anzunehmen. Dann wirst du erleben, wie deine Kräfte wachsen.“ Die Palme brauchte einige Tage, um zu verstehen, was damit gemeint war. Dann nimmt sie den Stein die Mitte der Krone und steckt alle Kraft in das Wachsen von langen, kräftiger werdenden Wurzeln, um den Halt der Krone zu verbessern. Es dauerte einige Zeit, bis die Wurzeln auf eine Wasserader stießen. Jetzt startet die kleine Palme durch und erstrahlte zu einem Glanz, der in der Region einzigartig ist. Die Menschen der Region sprachen fortan von der „Steinpalme“, da der große Stein unübersehbar im Herzen der Palme zu erkennen blieb.

Was diese kurze Geschichte verdeutlicht? Manchmal, wenn die Last des Lebens schwer ist, gilt es, die Herausforderung anzunehmen, den „Stein, der einen beschwert“ anzunehmen und als Chance zu begreifen. Eine Chance, eine ganz persönliche Aufgabe lösen zu müssen, um – gestärkt durch die Erfahrungen – zu einer Stärke und Ausstrahlung zu kommen. Kurzum: Oft weiß man im Leben nicht, wofür eine Situation gut sein soll. Nicht jeder Stein im Leben muss auf dem Weg geräumt werden bzw. lässt sich aus dem Weg räumen. Eine Situation anzunehmen und nicht zu verzweifeln, sondern immer wieder nach neuen Wegen für sich zu suchen, ist neben aller Last auch die Chance, als Mensch zu wachsen.

 Ach ja, in die Geschichte endet im Original mit einer Botschaft an den skrupellosen „Stein-in-die-Krone-Leger“. Er sieht den Baum und erkennt, was er damals für einen Mist gemacht hat. Und welche Botschaft hat die Legende für ihn?  Nimm die Last an, trage diese Schuld, wie der Baum den Stein – und verwandele davon so viel du kannst in Liebe und Aufmerksamkeit für deine Mitmenschen. Und bei dieser Liebe solle er nie vergessen, dass Liebe mehr als Worte sind, sondern Handeln. Und je mehr Handeln in Liebe und Achtung für andere jeder praktiziert, um so größer ist die Kraft, die – wie bei der strahlenden Palme – von der einstigen Last ausgeht.

Mein Dank gilt Pet Partisch. Ihre viel lebendiger formulierte und ausgeschmückte Legende hat mir in der Version meiner Erinnerung in vielen Momente des Lebens Kraft gegeben und ich bin überzeugt, dass heute so mancher Stein, der mir in den Weg gelegt wurde, heute ein Mosaiksteinchen ist, das mich aus- und vor allem auch achtsam macht.

Der Autor ist Systemischer Coach, Kommunikationspsychologe (FH) und Heilpraktiker für Psychotherapie. Er coacht Menschen bei Herausforderungen, die das Leben privat oder beruflich mit sich bringt.


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