Das Baby als Vorbild

Das Baby als Vorbild

Von Holger Hartwig*

Was kann ein Baby, wenn es auf die Welt kommt, als allererstes? Es ist in der Lage, seine Bedürfnisse – und das sogar ohne die Verwendung eines einzigen Wortes – zum Ausdruck zu bringen. Wenn es Hunger hat oder sich unwohl fühlt, dann schreit es. Wenn es ihm gut geht und es zufrieden ist, dann lächelt es die Menschen um sich herum zufrieden an.

Es ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, dass wir Menschen unsere Bedürfnisse kennen und wir dafür sorgen, dass diese Bedürfnisse auch befriedigt werden. Wer zu lange seine Bedürfnisse nicht befriedigt, wird unzufrieden und – wenn er nachhaltig nicht ausreichend auf seine Bedürfnisse und auf sich achtet – auch krank.

Wie in vielen anderen Bereichen des Lebens wird das, was für ein Baby oder ein Kind selbstverständlich ist (z.B. ich sage das, was ich will… ich lasse andere spüren, wenn mir etwas nicht passt… ich drücke meine Empfindungen über meinen Gesichtsausdruck aus…), mit fortschreitendem Alter immer komplizierter. Viele Menschen verlernen es, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und dann auch auszusprechen, um für sich selbst zu sorgen. Vielmehr erwarten Sie, dass die Menschen um sie herum ihre Bedürfnisse kennen müssen, weil „die anderen ja genauso denken und empfinden wie ich“ bzw. sie gehen davon aus, dass das Umfeld schon mitbekommt, was mit mir gerade los ist. Bei etwas genauerer Betrachtung dieser Sichtweisen ist klar: Das kann nicht funktionieren!

Gründe, warum Erwachsene ihre Bedürfnisse nicht eindeutig kommunizieren, gibt es viele.

Erstens: Manche wissen nicht einmal, was sie wirklich wollen.

Zweitens: Andere fehlt der Mut, die Wünsche zu äußern, weil sie Angst davor haben, dass das „Umfeld“ damit nicht umzugehen weiß.

Drittens: Einige kennen zwar ihre Bedürfnisse, wissen aber nicht, wie sie diese ihrem Umfeld durch Worte oder Taten zum Ausdruck bringen.

Fest steht: Das Miteinander von Menschen kann nur funktionieren, wenn sich jeder „erlaubt“, seine Bedürfnisse offen auszusprechen oder die Befriedigung auch offen einzufordern. Das Miteinander von Menschen kann nur funktionieren, wenn nicht darüber spekuliert wird, was der andere für Gedanken bzw. Bedürfnisse durch sein Handeln ausdrücken könnte, sondern einfach gefragt wird, z.B. Was wünscht Du Dir? Was willst Du mit Deinen Worten oder Deinen Verhalten errreichen?

Es ist einfacher, als viele denken. Kinder können das…

Nun noch ein kleiner (leicht akademischer) Ausflug zu den Bedürfnissarten, denn das kann helfen, sich in ersten Schritt seiner eigenen Bedürfnisse bewusst zu werden:

Bindung: Das Baby wäre ohne die Eltern nicht lebensfähig – der erwachsene Mensch ist es ebenso nicht. Ohne (An)bindung an andere, z.B. Freunde, Familie. Mit Menschen im nachhaltigen vertrauensvollen Austausch zu sein, befriedigt das Bedürfniss nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft.

Autonomie: Die Kinder machen es vor – sie werden größer und wollen nicht mehr ausschließlich von den Entscheidungen der Eltern abhängig sein. Sie suchen die Autonomie in ihrem Handeln. Kurzum: Das Leben selbst in der Hand zu haben und täglich selbst zu gestalten (statt z.B. von Arbeitskollegen oder dem Partner „bevormundet“ zu werden), ist ein Grundbedürfnis. Es gibt den Wunsch, das eigene Leben selbst zu kontrollieren, zu bestimmen und die „Macht über sich selbst zu haben“. Demgegenüber steht andererseits die Abhängigkeit, die sich durch Bindung ergibt. Hier ist die Aufgabe eines jeden Menschen, für sich die passende Balance zwischen Autonomie und Bindung zu finden.

Selbstwert/Anerkennung: Seinen Wert selbst zu spüren und sich selbst anzuerkennen bzw. dann auch durch andere anerkannt zu werden, ist ein angeborenes Bedürfnis und der zentralste Aspekt unserer Psyche. Der erwachsene Mensch ist darauf angewiesen, seinen „Wert“ immer wieder durch sein Umfeld bestätigt zu bekommen. Wer sich nicht anerkannt fühlt bzw. seinen eigenen Wert nicht schätzt, hat zudem auch mit der Anerkennung und der Wertschätzung anderer Menschen in der Regel seine Herausforderungen. Zu wissen, dass jeder Mensch dieses Bedürfnis hat, hilft, in vielen Situationen verständnisvoller agieren zu können.

Befriedigung: Nein, damit ist (nicht) nur die sexuelle Befriedigung gemeint. Es geht darum, dass der Mensch lernt, sein Lust- und Unlustempfinden zu erkennen. Das Leben ist nicht immer Sonnenschein und oft müssen eigene Bedürfnisse erst einmal zurückgestellt werden, weil andere Aufgaben Vorrang haben (z.B. bei schönem Wetter möchte ich viel lieber schwimmengehen statt zur Arbeit zu gehen). Dann kommt es darauf an, das Bedürfnis durch eine gewisse Frustration(stoleranz) – „Das geht jetzt nicht anders“ – nach hinten zu stellen, und es durch Aufschub später zu bedienen bzw. zur Seite zu stellen und zu schauen, was einem stattdessen an diesem Tag guttun könnte, um ausgeglichen und zufrieden zu bleiben.

Der Autor ist Systemischer Coach, Kommunikationspsychologe (FH) und Heilpraktiker für Psychotherapie. Er coacht Menschen bei Herausforderungen, die das Leben privat oder beruflich mit sich bringt.


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    Selbstbewusstsein oder selbst bewusst sein?

    Selbstbewusstsein oder selbst bewusst sein?

    Von Holger Hartwig*

    „Der hat aber ein gesundes Selbstbewusstsein“ – wenn wir diesen Satz sagen oder hören, dann verbinden wir damit ein überzeugendes und meist meinungsstarkes Auftreten eines Menschen – im Alltag, im Beruf oder – wenn es sein soll – auch auf der Bühne. Dieser Mensch weiß sich zu präsentieren bzw. zu „verkaufen“. Viele andere können das nicht. Sie haben kein „Selbstbewusstsein“, halten sich und ihre Meinungen lieber zurück.

    Wofür steht das Wort „Selbstbewusstseins“ aber tatsächlich. So, wie es heute meist verwendet wird, wird es (zu) wenig mit dem Ursprung verbunden. Selbstbewusstsein bedeutet sich selbst bewusst zu sein. Und bedeutet weit mehr, als gegenüber anderen „stark“ aufzutreten oder sich präsentieren zu können.

    In Coachings erzählen mir Menschen immer wieder, dass es ihnen an Selbstbewusstsein mangelt. Und was kommt, wenn ich nachfrage? Sie schätzen sich selbst so ein, dass sie lieber einen Kompromiss eingehen, statt ihre Ansichten und Wünsche mit Nachdruck zu vertreten bzw. sich „unterbuttern zu lassen“. „Ich war als Kind schon…“ oder „Andere können das viel besser…“ – sind nur zwei typische „Glaubenssätze“, die dann das Verhalten desjenigen nachhaltig prägen.

    Bei der Frage im Coaching, wie denn jeder für sich sein Selbstbewusstsein „verbessern“ kann, kommt dann immer wieder als Antwort der Hinweis auf mehr eigene Erfolge bzw. die lobende, wertschätzende Anerkennung von außen. Und dann beginnt das gemeinsame „Arbeiten“. Denn Selbstbewusstsein kommt nicht von Dritten bzw. ist kein Ausdruck von Wahrnehmung durch andere. Selbstbewusstsein beginnt mit der Fähigkeit, sich selbst genauer ansehen zu wollen und damit sich selbst bewusster zu werden. Das ist harte Arbeit, die während des gesamten Lebens geleistet werden kann. Dabei hilft die Beantwortung von Fragen an sich: Was gehört zu mir? Was schätze ich an mir? Was macht mich in meinem Handeln aus? Wie unterstütze ich Menschen, die mir etwas bedeuten? Ganz nebenbei wird bei diesem „Sich selbst bewusst“ werden auch deutlich, wo eigene Schwächen liegen. Diese auch zu kennen, ist mindestens genauso wichtig, wie sich seiner Stärken bewusst zu sein.

    Selbstbewusstsein zu haben bedeutet: Ich weiß, wer ich bin. Ich (er)kenne mich. Ich bin mir selbst bewusst. Und wer sich selbst bewusst ist, der erreicht im Leben viel (mehr). Und dann steht das Selbstbewusstsein am Ende für das, wie es die Gesellschaft gerne „oberflächlich“ definiere.

    Ach ja, anstelle von Selbstbewusstsein kann auch das Wort Selbstwertgefühl stehen. Auch hier gilt: Jeder kann selbst seinen Wert fühlen – wenn er dann den Blick auf sich selbst frei von Scheuklappen zulässt…

    Der Autor ist Systemischer Coach, Kommunikationspsychologe (FH) und Heilpraktiker für Psychotherapie. Er coacht Menschen bei Herausforderungen, die das Leben privat oder beruflich mit sich bringt.


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      Das Ersetzen von (Fehl)Entscheidungen

      Das Ersetzen von (Fehl)Entscheidungen

      Von Holger Hartwig*

      Es gibt Menschen, die von sich sagen, dass es ihnen schwerfällt, Entscheidungen zu treffen. Kann nicht sein, denn wenn ihnen das wirklich schwerfallen würde, dann wären sie nicht überlebensfähig. Denn jeder Mensch hat es gelernt, Entscheidungen zu treffen. Etwa 10.000 Mal an einem einzigen Tag. Aufstehen oder noch liegen bleiben? Hemd oder Polo-Shirt? Kaffee, Milch oder Tee zum Frühstück? Mit dem Auto oder mit dem Fahrrad zur Arbeit? Der gesamte Tag ist sozusagen eine einzige Entscheidung…

      Natürlich meinen die Menschen mit ihrer Aussage etwas anderes. Es geht um die folgenschweren Entscheidungen. Die Weichenstellungen, die – vermutlich – große Auswirkungen haben werden. Und nicht selten warten Menschen dann ab, bis ihnen jemand die Entscheidung abnimmt oder die Zeit vergeht und eine „automatische“ Entwicklung „passiert“.

      Was kann der Mensch machen, der sich nicht entscheiden kann? Im Kopf klar werden und begreifen, was es bedeutet nicht zu entscheiden. Warum?Dafür gibt es viele Möglichkeiten. Für den Autor dieser Zeilen war ein Hobby das beste „Trainingslager“ (was ich damals nicht so gewusst habe). Mit 14 Jahren habe ich mich entschieden, den beliebtesten Job im Fußball zu übernehmen: Schiedsrichter. Da gehörte es dazu, innerhalb eines Spiels permanent Entscheidungen zu treffen. Und manches Mal musste ich – wenn die Spielszene weiterlief – feststellen, dass ich mich „verguckt“ hatte. Bei einem Schiedsrichter ist das sozusagen „Geschäftsrisiko“! Es hat nicht lange gedauert, bis ich erfahren durfte, was „Sache“ ist, wenn ich als „Schiri“ gut sein möchte.

      Regel 1: Laufen lassen, löst die Situation nicht. Das funktioniert vielleicht für den Moment, aber es fällt dir früher oder später auf die Füße. Wenn etwas entschieden werden muss, dann muss entschieden werden.

      Regel 2: Wer eine Entscheidung trifft, der kann daneben liegen. Beim Fußball dauert es manchmal nur Sekunden – und es stellt sich heraus, dass eine andere Entscheidung die bessere gewesen wäre. Dennoch gilt für jede Entscheidung: In dem Moment, in dem sie getroffen wird, ist sie zu 1000 Prozent auf Basis der vorhandenen Infos richtig. Wenn sich dann herausstellt, dass es besser gewesen wäre, es anders zu entscheiden, dann hilft kein Lamentieren im Sinne von „Hätte ich doch bloß“. Dann gilt es, die neue Situation anzunehmen und daraus das Beste zu machen – sprich die nächste Entscheidung zu treffen. Auf dem Fußballfeld habe ich gelernt: Das Spiel funktioniert nur, wenn ich als Schiedsrichter mit meinen Entscheidungen souverän umzugehen weiß. Und souverän bedeutet hier nicht, immer Recht haben zu wollen, sondern auch Entscheidungen bestmöglich durch neue Entscheidungen zu ersetzen – nicht zu korrigieren. Denn das geht (nicht nur) im Fußball nicht. Sie können einen Angriff nicht – wie in Fernsehen – noch einmal wiederholen lassen. Ach ja: Wenn ich eine falsche Entscheidung als der „schwarze Mann“ durch eine neue ersetzt habe und dabei meine Gründe erklärt habe, dann hat das immer funktioniert. Wer ohne falsche Entscheidungen ist, der werfe den ersten Stein…

      Wie kann jeder für sich das Entscheiden trainieren? Auch da ist der Schiedsrichter ein gutes Beispiel. Wer etwas zu entscheiden hat, der profitiert davon, aufmerksam und konzentriert auf die Situation zu schauen. Genau hinsehen und nicht wegschauen (das macht man ja so gerne im Alltag, denn was ich nicht weiß…) ist die beste Grundlage. Und es wie ein Schiedsrichter machen: Immer einen Moment eher hinsehen, bevor alle anderen die Situation erkennen. Denn während die Zuschauer im Fußball auf den Moment sehen, wo der Ball ins Tor geht oder nicht, muss sich der Schiedsrichter bereits einige Sekunden zuvor auf den Zweikampf um den Ball konzentrieren. Und er muss entscheiden, ob er abpfeift oder nicht, wenn es heftiger zur Sache gegangen ist. Wie er seine Entscheidung trifft? Er wägt ab, wie sich die Situation entwickelt. Er spielt in Sekundenschnelle durch, was wenig später passieren könnte. Und genau das braucht es, um aus der Stärke heraus jederzeit zu entscheiden: Erkennen, was wann wichtig wird bzw. ist, die Folgen durchspielen und dann entscheiden.

      Kurzum: Es ist besser, falsch zu entscheiden, als gar nicht zu entscheiden. Es gibt keine „Fehlentscheidungen“ oder falsche Entscheidungen. Jeder Mensch trifft seine Entscheidungen in dem Moment, wo sie ansteht. Er trifft sie mal spontan, mal nach reiflicher Überlegung nach bestem Wissen und Gewissen. Vor jeder Entscheidung findet eine Abwägung statt, welches Wort gerade passend ist, welches Verhalten der Situation angemessen ist oder wie man am besten ein Ziel erreicht. Und dann wird das so gemacht. Warum gibt es keine Fehlentscheidungen? Entscheidungen sind in dem Moment, wo man sie trifft, immer richtig. Niemand entscheidet sich bewusst gegen seine Überzeugungen. Und hinterher ist man immer schlauer. Und es gilt Regel 3: Immer bereit sein, gleich die nächste Entscheidung zu treffen, die einen „Fehler“ umgehend ersetzt. So wie im Alltag bei den 10000 Entscheidungen…

      Der Autor ist Systemischer Coach, Kommunikationspsychologe (FH) und Heilpraktiker für Psychotherapie. Er coacht Menschen bei Herausforderungen, die das Leben privat oder beruflich mit sich bringt.


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        Das Sesamstraßen-Prinzip

        Das Sesamstraßen-Prinzip

        Von Holger Hartwig*

        „Der, die, das. Wer, wie, was. Wieso, weshalb, warum. Wer nicht fragt, bleibt dumm! 1000 tolle Sachen gibt es überall zu sehen, manchmal muss man fragen, um sie zu verstehen“ – diese Zeile aus dem Sesamstraßen-Lied dürfte jeder kennen. Und für jedes Kind ist es selbstverständlich, aus Neugierde Fragen zu stellen.

        Je älter und erfahrener ein Mensch wird, um so weniger ist es für ihn selbstverständlich, Fragen zu stellen. „Man“ weiß schließlich Bescheid. Und noch viel heftiger: „Man“ kennt sich ja – „man“ hat ja seine Erfahrungen im Miteinander gemacht. Und genau dieses Denken ist für das menschliche Zusammenleben, im Job oder in der Freizeit gestalten sehr oft der Auftakt für einen Teufelskreis. Denn anstatt den anderen zu fragen, was er warum gerade wie macht oder eben auch nicht oder statt den anderen zu fragen, was er mit seiner Aussage wirklich sagen wollte, wird ein (oft unbewusster) Prozess im eigenen Kopf in Gang gesetzt. Es wird zwischen den beiden „Ohren“ philosophiert, es wird bewertet, verurteilt und dann auch meistens entsprechend reagiert. Das Sesamstraßenlied bringt es dann auf den Punkt: Wer nicht fragt, bleibt dumm! Nein, im Erwachsenenalter ist es sogar noch schlimmer: Wer nicht bzw. nie fragt, sondern sich mit seinen Gedanken verselbstständigt und die anderen Menschen bewertet, der „zerlegt“ auf Dauer im großen Stil seine zwischenmenschlichen Beziehungen.

        Fragen zu stellen, sollte in jedem Lebensalter dazugehören wie das Zähneputzen oder das Haare waschen. Warum? Nur wer fragt, der gewinnt neue Erkenntnisse. Wer nicht fragt und stattdessen in einem Gespräch immer selbst redet, der wird nicht schlauer. Denn alles, was aus dem eigenen Mund herauskommt, ist ja – vereinfach ausgedrückt – bereits an Wissen und Gedanken im Kopf vorhanden.

        Kurzum: Achten Sie einmal darauf, wie oft Sie im Alltag Sie eine Frage stellen. Sie werden überrascht sein, wie selten Sie die Macht des kinderleichten Sesamstraßen-Prinzips im Miteinander nutzen. Und noch eines: Es kommt bei einer Frage nicht so sehr auf die gewählten Worte und den Satzbau an. Achten Sie einmal darauf, WIE Ihnen eine Frage gestellt wird bzw. WIE Sie selbst eine Frage stellen. Wenn die Stimme des Fragenden oder Ihre Stimme am Satzende nach unten geht, dann mag das zwar grammatikalisch eine Frage sein, de facto ist und bleibt es dennoch eine Aussage. Wer wirklich eine Frage stellt und interessiert an einer Antwort ist, hebt seine Stimme zum Ende hin. Sonst nimmt das Unterbewusstsein auf, dass es eben keine Frage ist sondern eine „gut gemeinte und perfekt getarnte“ Feststellung ist.

        PS: Wann wir das Fragen, wie wir es als Kind aus Neugier gemacht haben, „verlernen”? Mein Tipp: Kurioserweise vor allem in der Schule. Zwar ist es (eigentlich) gewünscht, dass dort Fragen gestellt werden. Allerdings werden die Kinder, die regelmäßig Fragen stellen, oftmals hinsichtlich ihrer Verständnisfähigkeiten eher „in Frage gestellt” als für ihr Interesse gelobt…

        Der Autor ist Systemischer Coach, Kommunikationspsychologe (FH) und Heilpraktiker für Psychotherapie. Er coacht Menschen bei Herausforderungen, die das Leben privat oder beruflich mit sich bringt.


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          Verstehen oder begreifen?

          Verstehen oder begreifen?

          Von Holger Hartwig*

          Macht es einen Unterschied, etwas verstanden oder begriffen zu haben? Auf den ersten Blick sicher nicht… Nicht ohne Grund sagen wir dennoch: „Ich verstehe jedes einzelne Wort, aber ich begreife nicht, was Du mir damit sagen willst.“

          Etwas zu ‘verstehen’ bedeutet also, die Aussage eines anderen vom Verstand her aufzunehmen.  Etwas zu „begreifen“, ermöglicht hingegen den praktischen Umgang mit einem Thema oder einer Sache. Alles klar? Zur Verdeutlichung ein einfaches Beispiel: Versuchen Sie einmal, einem Kind mit einem iPad einen Ball zu erklären. Es wird verstehen, dass es sich um etwas Rundes handelt, dass man durch die Luft werfen oder schießen kann. Um zu begreifen, was ein Ball ist, wird es unumgänglich sein, einen richtigen Ball zu besorgen und dem Kind den Ball zu zu werfen. Dann wird es den Ball GREIFEN und BEGREIFEN und vor allem fest verinnerlichen, was ein Ball ist. Es wird lernen, wie man nach einem Ball greift – und verstehen, warum es praktisch ist, dass ein Ball rund ist

          Für unseren Umgang mit Informationen und Worten hat das Begreifen einen weiteren Aspekt. Etwas zu verstehen, ist oft auch nur der Aspekt, ob eine Nachricht akustisch bei dem anderen angekommen ist. „Hast Du mich verstanden?“ ist beispielsweise oft nur die Nachfrage, ob der andere zugehört hat… manchmal auch die Drohung. Je nachdem, in welchem Ton und mit welcher Mimik die Wörter gesagt werden.

          Wie kann ich selbst dafür sorgen, dass ich etwas nicht nur verstehe, sondern begreife? Hilfreich ist, sich immer die Frage zu stellen, ob es möglich ist, das Wort mit einer Tat zu verknüpfen, sozusagen eine zweite Ebene des Wahrnehmens zu schaffen. Wenn es beispielsweise um Wissen und Erfahrungen oder Situationen im Leben geht, denn nehmen Sie einen Stift zur Hand und schreiben Ihre Gedanken auf Papier auf. Ihre Gedanken werden dann für Sie und Ihren Körper spürbar. Sie werden feststellen, dass sich Ihre Gedanken verfestigen oder auch ordnen.

          Dazu noch ein letzter Gedanken. Kennen Sie das Sprichwort „Wer nicht hören will, muss fühlen?“ Sicherlich. Auch hier geht es darum, die Worte mit einer zweiten Ebene zu versehen, die „durch den Körper geht“. Kinder verzichten auf diese zweiten Ebene lieber, wenn es mit den Eltern mal rauscht. Für Erwachsene hingegen ist es hilfreich, in vielen Situationen zu schauen, wie sie etwas Gesagtes oder Gedachtes für sich „fühlbar“ machen können

          Der Autor ist Systemischer Coach, Kommunikationspsychologe (FH) und Heilpraktiker für Psychotherapie. Er coacht Menschen bei Herausforderungen, die das Leben privat oder beruflich mit sich bringt.


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            Die „Weg-von-Hin-zu“-Herausforderung

            Die „Weg-von-Hin-zu“-Herausforderung

            Von Holger Hartwig*

            Jeder Mensch kennt die Situation: Es ist Zeit, etwas zu verändern. Das kostet manchmal Überwindung, meist Kraft und Zeit. Entscheidend für den Erfolg einer Veränderung kann die Motivation sein, aus der sie geschieht. Und vor allem, mit welchen Bildern im Kopf – wir denken immer in Bildern – sie vorgehen.

            Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Sie kommen zu der Überlegung, dass die Körperwaage Ihnen einige Kilos zu viel anzeigt. Dann heißt es oft: Ich will oder ich muss abnehmen. Nur selten sagt jemand: Ich möchte sportlicher werden oder ich möchte gesund und munter das Leben genießen. Wenn die Umstellung der Ernährung und das weniger Essen Erfolg haben, ist es egal, welchen Gedanken Sie im Kopf hatten. Aber, wer der Autor dieser Zeilen viele Jahre seine Erfahrungen mit „Ich muss abnehmen“ und dem Jo-Jo-Effekt gemacht hat, der sollte nun weiterlesen.

            Ob eine anstehende Veränderung (z.B. auch der Wechsel des Arbeitsplatzes) erfolgreich ist, hängt maßgeblich davon ab, aus welchem Antrieb heraus Sie handeln. Denn bei genauerer Betrachtung gibt es zwei Möglichkeiten, die zu einer angestrebten Veränderung führen können: Weg von oder Hinz zu…

            Was ist damit gemeint? Nehmen wir das Beispiel des Arbeitsplatzwechsels. Sehr häufig wird der angestrebt, „weil ich das da echt nicht mehr aushalten kann“. Das ist der Klassiker der „Weg-von“-Motivation. Die Veränderung wird angestrebt, um – wie die Worte es aussagen – um einer Situation zu entkommen Man möchte fliehen aus dem, was ist, Bloß weg hier – das ist die Devise. Alles, was kommt, kann nur besser werden…

            Natürlich ist dieser „Weg-von“ ein Antrieb, zum Teil sogar ein sehr intensiver. Aber ist dieser auch zielführend, wenn ich nur weiß, wovon oder woraus ich weg will? Aber nicht genau weiß, wohin ich will? Oft wird dann die einfachste bzw. jede Art der Veränderung akzeptiert, nur um weg zu kommen. Und dann sind sie weit weg von dem Alten – und kommen aus dem Regen in die Traufe. Dieses „Weg-von“ allerdings einfach zu verteufeln, wäre falsch. Auch diese Motivation ist nützlich und ein sehr starker Antrieb, den es zu nutzen gilt.

            Diese „Weg-von“-Motivation ist ein guter Ausgangspunkt für jede Veränderungen. Sie gilt es, als Auslöser für neue Wege an zu nehmen. Und dann kommt wieder einmal unser Kopf, unser Denken ins Spiel. Denn um nach dem „Weg-von“-Gedanken erfolgreich zu etwas Neuem zu gelangen, das für Zufriedenheit, Ausgeglichenheit und damit auch Gesundheit sorgt, ist es ratsam, einen Schritt weiter zu denken. Das ist oft eine Herausforderung, denn bei diesem Denken geht es darum, ein Ziel zu definieren. Dabei ist die Beantwortung dieser Fragen wichtig: Wo will ich hin? Was ist dort besser? Was verspreche ich mir davon? Wie geht es mir, wenn ich mir vorstelle, dass ich dieses Ziel erreiche?

            Ein Autohersteller hat einmal Werbung gemacht mit dem Slogan „Umparken im Kopf“. Das trifft es ganz gut. Denn wenn es Ihnen gelingt, das Ziel, das Sie anstreben, genau zu definieren und mit einem Bild im Kopf zu hinterlegen, dann haben Sie aus der „Weg-von“-Motivation für sich die „Hin-zu“-Motivation geschaffen. Das „Hin-zu“ sorgt dafür, dass Sie nicht aus falschen Gründen handeln, bei dem neuen Ziel etwas übersehen. Bei einer „Hin-zu“-Motivation wollen Sie etwas erreichen, sich zu einem gesteckten Ziel hin entwickeln und haben klar vor Augen, wohin der Weg Sie führen soll.

            Für das „Umparken im Kopf“ hin zu einer zielführenden Motivation hilft es, in mehreren Schritten vorzugehen. Machen Sie zuerst eine genaue und vor allem sehr ehrliche Bestandsaufnahme („Was stört mich? Was bin ich bereit, dafür zu tun?“). Dann suchen Sie sehr genau danach, was anders und besser werden soll (Identifikation des Veränderungswunsches). Im dritten Schritt dann Blick nach vorne mit der Konzentration auf die Zukunft, d.h. Sie verschwenden keine Energie mehr mit dem Hadern über die aktuelle Situation). Und dann als vorletzten Schritt – der ist fast der Wichtigste – das Ziel genau definieren und am besten die wichtigsten Gründe aufschreiben. Und zu guter Letzt: Aufmachen in Richtung des Ziels, nach den Möglichkeiten und Alternativen schauen.

            Veränderungen können letztlich beide Motivationen herbeiführen. Bei der „Hin-zu“-Motivation ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie genau das bekommen, was Sie sich bildlich vorstellen, allerdings deutlich größer, da Sie wissen, was Sie wollen und eben nicht nur, was Sie nicht wollen.

            Der Autor ist Systemischer Coach, Kommunikationspsychologe (FH) und Heilpraktiker für Psychotherapie. Er coacht Menschen bei Herausforderungen, die das Leben privat oder beruflich mit sich bringt.


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              Der Liter Wasser in der Wüste

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              Von Holger Hartwig*

              Für ein gesundes Leben ist es sinnvoll, seinem Körper jeden Tag Wasser zu zu führen. In der westlichen Welt ist der Wasserkonsum in der Regel kein Problem – und im Nordwesten sowieso nicht, da das „kühle Klare“ genuss- und trinkfertig aus der Leitung kommt.

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              Das Gänsehaut-Rezept

              Das Gänsehaut-Rezept

              Von Holger Hartwig*

              Es ist ein Tag, an dem so rein gar nichts funktioniert. Die Laune ist mies – und es warten gerade an diesem Tag Herausforderungen, die eine gute Ausstrahlung und sicheres Auftreten erfordern. Aber irgendwie wollen Kopf und Körper heute so gar nicht „mitspielen“. Statt Vorfreude eher Angst, Unsicherheit, Frustpotenzial. Was nun?

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              Vom Muss

              Vom Muss

              Von Holger Hartwig*

              Es gibt ein Wort, das fast jeder Mensch automatisch in seinem Wortschatz hat: MUSS. Wie oft höre ich am Tag von anderen „Ich muss noch…“ oder wenn es blöd läuft „Du musst noch…“ Wenn dieses Wort mit den vier Buchstaben in meine Richtung fällt, dann reagiere ich mittlerweile allergisch. Ich MUSS gar nichts – außer irgendwann sterben, das steht unwiderruflich fest. Eine Binsenweisheit. Ansonsten hat mich das Leben gelehrt, dass ich ganz allein entscheiden DARF, was ich wann wie und wo und überhaupt mache.

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              Der Lebensweg

              Der Lebensweg

              Von Holger Hartwig*

              Das Leben ist wie ein langer Weg, der vom ersten Tag an viele Möglichkeiten kennt. Als Kind sind wir quirlig. Die Neugier treibt uns an und wenn uns nicht die Eltern, Oma und Opa oder Kindergärter/in oder Lehrer die Grenzen aufzeigen, dann toben wir los in alle Himmelsrichtungen. Wir laufen drauf los. Kein Weg ist uns zu lang, wenn das Ziel interessant ist. Und wir überlegen nicht lange, meist laufen wir so schnell wir können. Wir sammeln Momente, Bilder, Erfahrungen ein, die uns dann auf dem weiteren Weg des Lebens hilfreich sind.

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