Langsames Sterben der Leeraner Fußgängerzone?

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In Leer wird investiert. In einer der Perlen der Stadt – die Fußgängerzone. Für eine neue Pflasterung, neue Beleuchtung und Mobiliar wird eine Millionensumme in die Hand genommen. Bis zum Frühjahr soll der erste Bauabschnitt von der Wörde bis zur Ledastraße fertig sein. Dann sorgt die Haushaltlage dafür, dass der – wichtigere Teil – von der Ledastraße bis zum Bahnhof auf Eis gelegt wurde. Kein Geld, keine Sanierung. Ganz einfach. Doch reichen die Investitionen in Steine überhaupt, damit die Ledastadt weiter die Einkaufsstadt Nr. 1 bleibt, damit die Menschen aus dem Umland weiter nach Leer kommen? Zweifel sind angebracht.

Die Studien sind eindeutig. Innenstädte, die wie Leer maßgeblich vom stationären Handel leben, werden in der bisherigen Form sterben. Wenn die Anziehungskraft erhalten bleiben soll, braucht es mehr Vielfalt aus Handel, Kultur, Bildung und vor allem Wohnen.

Eine aktuelle Auswertung der Habona Invest (Hamburg), die seit mehreren Jahrzehnten die Entwicklung von Handelsstandorten und -immobilien untersucht, fasst bundesweite Trends zusammen. (klicken Sie hier, um die wichtigsten zehn Thesen der Studie zu lesen). Manuel Jahn, Mitglied des Management Boards der Habona Invest GmbH, bringt es auf den Punkt. „Der Einzelhandel als Lokomotive funktioniert nicht mehr. Es braucht ein neues Leitbild, wie eine Innenstadt der Zukunft aussehen kann, was sie künftig leisten und welches Publikum angesprochen werden soll.“ Die meisten Städte hätten die Krise, die mit der Corona-Pandemie beschleunigt wird, noch gar nicht richtig verstanden.

Der zunehmende Rückzug des Handels „verläuft meist chaotisch, weil man in dieser Hinsicht absolut unerfahren ist“. Aus seiner Sicht sollte sich jede Kommune Gedanken über einen „Rückbaumanager“ machen, denn die Veränderungen im Handelsbereich seien nicht konjunktur- oder pandemiebedingt, sondern „als schleichender Prozess schon seit mindestens 15 Jahren erkennbar“.

Und wie sieht es in Leer aus? Es hat einmal einen übergreifenden Arbeitskreis Stadtmarketing (ASL) gegeben. Bis Ende 2012. Dieser bündelte das Engagement vieler unter einem Dach und auch das Miteinander der Werbegemeinschaften. Nach 20 Jahren war er Geschichte, nicht zuletzt weil Überlegungen der Kräftebündelung mit Werbegemeinschaft und Handelsverein scheiterten. Jetzt wird in Steine, Lampen und Bäume investiert – und wie steht es mit neuen Aktivitäten? Konzepten? Leitbild? Fehlanzeige.

Mehr Aufenthaltsqualität schaffen

Zurück zu der Expertenmeinung. Fest steht, dass die Zukunft einer Innenstadt maßgeblich davon abhängt, wie es gelingt, den Menschen neue Konzepte mit einer Mischung aus kurzen Wegen, Kommunikations- und Erlebnismöglichkeiten zu bieten. „Profiteure des Wandels im Einkaufsverhalten sind lokale, wohnortnahe Strukturen, die eine wachsende Nachfrage verzeichnen. Stadtteilzentren zeigen gerade in Corona-Zeiten, wie Vielfalt und kurze Wege von den Menschen geschätzt werden“. Ein Trend, der auch im Kreis Leer erkennbar ist. Die Versorgung aus der direkten Nachbarschaft mit Lebensmitteln und mit allen anderen über das Internet nimmt täglich zu. Der Weg in die Kreisstadt lohnt nicht mehr. Vor 25 Jahren war das ganz anders. Da galt der Ems-Park als Gefahr für die Innenstadt – heute kämpft der Standort an der Autobahn mit Leerständen und immer weniger Kundenfrequenz.

Was sind die Perspektiven?

Für einen Teil der Städte, die sich dem Wandel ihrer besten Einkaufslagen stellen müssten, sieht die Studie vor allem Perspektiven in der Wohnraumschaffung. Um für die anstehenden Veränderungen des Handels und damit der Innenstädte gerüstet zu sein, sei es erforderlich, auch die alternde Gesellschaft im Fokus zu haben, sagt die Studie. „Zu der attraktiven Innenstadt gehören neben modernen Wohnungen vor allem Einrichtungen wie Behörden, Bildungsstätten, Hotels, Ärztezentren. Wer eine lebendige Innenstadt will, der sollte diese Angebote – anders als es der Trend in den letzten Jahrzehnten war – konsequent im Zentrum bündeln.“ Zielsetzung müsse sein, die Menschen mit einer neuen Vielfalt auf eine Entdeckungsreise zu locken.

Fest steht: Leer bietet von den genannten Aspekten viele Voraussetzungen, um den Wandel zu schaffen. Aber ausreichend, um dem langsamem Sterben des Handels zu begegnen? Wie ist der Plan B, wenn sich bisherige Magneten, z.B. H & M oder C &A, aus Leer zurückziehen?

Nur neue Steine reichen nicht aus, um die lange Fußgängerzone für Menschen aus Leer und umzu attraktiv zu halten. Nach Ende der Pandemie – wer kümmert sich aktuell in der Stadt im Moment um die Geschäftsleute, die nicht wissen, ob Sie überhaupt wieder aufmachen? – sind neue Akzente gefragt. Akzente, die weit über die jetzige Straßenmodernisierung hinausgehen. So wie zu Beginn der 1990er Jahre, als es der Arbeitskreis Stadtmarketing – vorangetrieben durch den Sparkassen-Chef Egmont Schieffer und Sparkassen-Marketingchef Peter Chlebowski und einige mehr – war, der einen Plan gegen die damals aufstrebende Konkurrenz an der Autobahn auf der „Grünen Wiese“ mit dem Emspark (wurde 1996 eröffnet) erfolgreich schmiedete. Es gab Jahre, da war in den Sommermonaten jeden Samstag eine Veranstaltung in der Stadt, meist sogar mit regionalen Akteuren aus den Vereinen.

Abwarten und Tee trinken hilft nicht. Denn die Wette gehe ich ein: Wegen der neuen Pflasterung und neuer Lampen kommt niemand in die Stadt. Und selbst wenn – dann gibt er deswegen nicht einen Euro mehr aus.

Andere Städte auch vergleichbarer Größe machen es längst vor. Hauptamtliche Stadtmanager sind selbstverständlich. Manager, die ein gutes Händchen haben, um Kräfte zu bündeln (eine Hauptaufgabe in Leer!), Mitstreiter und Ehrenamtliche zu motivieren und Konzepte und Aktivitäten voran zu bringen. Kurzum: Es wäre viel besser gewesen, in Kompetenz und Konzepte anstatt in Steine zu investieren! Noch ist Zeit, bis die ersten großen Leerstände kommen und sich geplante Investitionen, z.B. auf dem Grundstück der OLB, endgültig in Luft aufgelöst haben.

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Kommentar von Rainer Dirks, Leer (14. Februar 2021)

Mehr Nachtleben in die Stadt

Ich sage immer wieder, dass mehr Gastronomie in der Stadt muss. Restaurants und Cafés haben wir genug – aber ab 19 Uhr ist auch in der Stadt alles zu. Warum werden zum Beispiel keine kleinen Clubs mehr erlaubt, wie sie früher in der Stadt waren? Wir haben – wenn der Corona vorbei ist – nur die Fetenscheune und die ist außerhalb der Stadt. Nachtleben gibt es gar nicht mehr. Das finde ich echt schade.


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