Ukraine-Krieg: Tichon, seine Hoffnung und das Meer

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Aufgeschrieben und nacherzählt: Gedanken eines sechsjährigen Flüchtlingsjungen

Andere Zeiten – andere Texte auch bei „Hartwig am Sonntag“. Heute ein kleiner Bericht aus der Sicht eines sechsjährigen Jungen, der Anfang dieser Woche in Hamburg angekommen ist – mit seiner Mutter und deren Schwester. Der kleine Junge – er heißt Tichon und hat bisher in Kiew gelebt  – spielt mit einem kleinen Auto in der kleinen Wohnung einer gebürtigen Russin, die vor 25 Jahren selbst nach Deutschland gekommen ist. Seine Verunsicherung ist zu spüren. Nachfolgend eine Nacherzählung aus dem, was der kleine Mann seiner Mutter in den vergangenen Tagen an Fragen gestellt und selbst an Gedanken erzählt hat.

„Morgens früh dröhnen die Sirenen? So laut. Ich habe Angst. Was ist das, frage ich Mama. Sie sagt: Bombenalarm. Mama schaut schockiert. Es ist alles anders. Angst, Unsicherheit. Mama weint.

Irgendwann dann sagt Mama: Wir müssen jetzt einige Sachen packen. Wir müssen gehen. Und Papa? Er kommt nicht mit…  Warum nicht? Warum bleibt Papa hier? Was bedeutet das? Warum haben alle Angst? Ich will nicht, dass Papa hier bleibt. Ich will bei Papa bleiben.

Mama sagt, dass wir los müssen. Papa werden wir wiedersehen, sagt sie mir. Dann müssen wir los. Wir steigen in einen Zug. Viele weinen. Alles voller Menschen, es ist eng. Ich weiß nicht, wie lange wir unterwegs sind. Mama nimmt mich immer wieder in den Arm, sie ist so traurig, aber wir müssen jetzt zusammenhalten. Irgendwann steigen wir aus. Mit einem Bus geht es weiter. Mama wird später erzählen, dass wir vier Tage mit dem vollen Zug unterwegs waren.

Ich weiß nicht, wo wir jetzt sind. Ich frage Mama immer wieder: Mama, wohin fahren wir? Wo wollen wir hin? Mama sagt, wir fahren an einen Ort, wo keine Bomben fallen, wo wir sicher sind. Ich frage: Wann sind wir da? Mama sagt, sie weiß es nicht. Wir sind schon sehr lange unterwegs. Mit dem Bus fahren wir weiter und dann müssen wir auch aus dem Bus austeigen. Mama nimmt mich an die Hand und wir laufen. Weiter und immer weiter. Es ist kalt. Mama sagt, dass wir einfach weiterlaufen müssen. Später höre ich, dass Mama erzählen wird, dass wir zehn Kilometer gelaufen sind und es nur vier Grad draußen waren.

Dann müssen wir warten: Überall Leute, alle sind hektisch. Kontrollen, und immer wieder die viele Fragen. Ich frage Mama wieder: Wann kommen wir an? Wo kommen wir an? Ich möchte nicht weiter, ich will zurück zu Papa.

Bald steigen wir in einen Bus. Wieder lange fahren. Mama sagt später, dass es 24 Stunden sind. Dann steigen wir irgendwo aus. Die Menschen sprechen hier anders. Ich weiß nicht, wo ich bin. Mama sagt: in Hamburg. In Deutschland. Es dauert, bis uns eine fremde Frau abholt. Mama sagt mir, dass es eine Freundin ist, die uns mitnimmt.

Ein wenig noch – und wir kommen an. Mama sagt: „Ach wie schön, wir können hier duschen.“ Und wir haben Hunger. Es gibt etwas zu essen und Süßigkeiten. Mama lächelt das erste Mal wieder etwas. Wir sind müde, schlafen aber nicht sehr lange. Ich frage Mama noch mal: Wann kommt Papa? Bleiben wir jetzt für immer hier? Ich will nach Hause. Mama sagt mir, dass wir jetzt erst einmal hier bleiben. Hier sind wir sicher, sagt sie mir.

Am nächsten Morgen ist es noch dunkel, als wir aufstehen. Mama, wohin gehen wir? Mama sagt, wir müssen uns kümmern. Ab 6 Uhr stehen wir in einer langen Schlange. Mama steht den ganzen Tag. Abends fahren wir wieder nach Hause.  Am nächsten Morgen wieder: 5 Uhr aufstehen, wieder da hinfahren und in der Schlange stehen.  Ich höre, dass Mama einer Freundin am Telefon erzählt, dass es wieder nicht geklappt hat mit einer Registrierung bei der Behörde. Aber was das bedeutet? Mama spielt mit mir und wir essen. Irgendwann kann ich auf der Matratze einschlafen.

Nächsten Tag wieder. 5 Uhr aufstehen. Nein ich will nicht, sage ich Mama. Sie sagt, wir müssen. Wieder in der Schlange stehen. Wieder warten. Ich höre, wie Mama zu einer anderen in der Schlange sagt: „Vielleicht klappt es heute. Bestimmt wird alles gut. Wir schaffen das schon.“

So richtig verstehe ich das nicht. So lange unterwegs, und dann hier immer in einer Schlange stehen. Die sprechen hier so, dass ich nichts verstehe. Aber die Menschen sind sehr nett, verteilen Geschenke, Getränke und lächeln. Meiner Mama sage ich: „Mama, ich weiß nicht wo sind wir. Aber die Leute hier mag ich sehr gerne. Die sind gut.“

 Meine Mama und meine Tante sind ständig traurig. Sie telefonieren viel. Sie erzählen nicht, wenn ich frage.  Ich denke an Papa und frage Mama. Sie meint, dass wir Papa bald wiedersehen. Ja, denn Papa hat mir ja versprochen, dass wir bald wieder zusammen spielen…

 Am dritten Tag stehen wir wieder früh auf. Wieder Schlange stehen. Wieder warten. Mama kann auch nicht mehr. Am Abend sitzen wir dann in Auto der Freundin. Wir fahren spät irgendwo hin. Zu einer Oma, sagt meine Mama. Die kenne ich nicht, aber Mama sagt mir, dass sie nett ist. Wir kommen an und sie ist nett. Wir essen, irgendwann schlafen wir.

Der nächste Tag ist anders. Nicht in der Schlange stehen. Die Sonne scheint. Wir essen und es ist etwas ruhiger heute. Mama sagt, wir gehen ans Meer. Meer? Was ist das? Habe ich noch nicht gesehen. Irgendwann sehe ich das Meer. Das ist die Ostsee sagt Mama. Das ist wirklich toll. Ich frage Mama: „Mama, wird Papa das Meer auch sehen? Wann kommt er?“ Mama sagt mir, das er das Meer sehen wird, wir es gemeinsam sehen werden. Und sie sagt ein Wort, dass ich immer wieder höre seit wir unterwegs sind: Hoffentlich.“

Hinweis: Das Warten drei Tage in Hamburg ohne Erfolg war vor der Ausländerbehörde in Hamburg. Es geht um die Registrierung, bei der alle – Mutter, Tante und Tichon – zwingend dabei sein müssen. An einem Tag hieß es, es wäre besser, in die Messehallen zu fahren und dort drei Tage in der Notunterkunft zu übernachten. Da würden dann auch die Unterlagen gemacht. Aber auch dort sind die Schlange in den vergangenen Tagen von Tag zu Tag länger geworden…

 

Holger HartwigUkraine-Krieg: Tichon, seine Hoffnung und das Meer

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