Vom Umparken im Kopf

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Von Holger Hartwig*

Können Sie sich an einer der erfolgreichsten Werbekampagnen eines Autoherstellers in den vergangenen Jahren erinnern? Die Marke mit dem Blitz setzte auf den Slogan „Umparken im Kopf“. Dabei war das Ziel die Werbeprofis, mit Vorurteilen gegen die Marke „Opel“ aufzuräumen, indem populäre Irrtümer auf den Kopf gestellt wurden. Beispiel: „Wenn ein Stier rot sieht, wird er aggressiv. Dabei sind Stiere farbenblind.“ Oder: „Aus Sicht der Physiker kann eine Hummel unmöglich fliegen. Der Hummel ist das egal“ bzw. „78 Prozent der Deutschen verbinden mit Hamburg Regenwetter. Dabei regnet es in Köln öfter.“ Für die Kampagne wurden die Macher 2015 mehrfach ausgezeichnet. Begründung: Mit richtiger Kommunikation kann ein gesellschaftlicher Bewusstseinswandel ausgelöst werden.

Frage: Geht das ausschließlich bei Marken oder gesellschaftlichen Vorurteilen? Antwort: Keineswegs. Das geht genauso bei jedem Menschen mit Blick auf die Vorurteile – besser gesagt Glaubenssätze –, die er für sich entwickelt hat bzw. die für ihn durch andere geprägt wurden. Nehmen wir einen Glaubenssatz, den so mancher in sich trägt, der gerne zweifelt: „Das schaffe ICH doch sowieso nicht.” Meist stammt dieser aus der Kindheit, weil Eltern, Lehrer oder Mitschüler (oder manchmal alle drei) immer wieder herausgestellt haben, das der- oder diejenige etwas sowieso nicht hinbekommt. In der Familie wird meist ein anderes Geschwisterkind mit der Lösung einer Aufgabe betraut, in der Schule ist es vielleicht der Lehrer gewesen, der schon vor einer Übung oder einer Arbeit zu dem Schüler sagt, dass „ich ja von Dir sowieso nicht erwarte, dass du das schaffst“. Das Resultat: Diese Prägung sorgt, dass diese Menschen sich nicht nur wenig zutrauen und immer zweifeln, sondern auch mit Blick auf ihre Zukunft gerne das Glas halbvoll sehen. Sie denken über Problemen nach, die es (noch) nicht gibt. Sie analysieren, was alles nicht funktioniert, statt in Lösungen zu denken bzw. danach zu suchen.

Wie kann es gelingen, im eigenen Kopf „umzuparken“, wenn ich feststelle, dass ich oft durch meine prägenden Gedanken und Vorurteile gehemmt bin? Wie kann ich „umparken“, wenn ich meine Zukunft oder für eine Aufgabe, die vor mir liegt, gerne ohne Grund „schwarz“ sehe? Ein erster Schritt des Umparkens ist, bewusst auf die Formulierung in der Sprache zu achten. Denn gewählte Wörter sind immer Ausdruck der Gedanken, die dahinterstecken. Ein schönes Beispiel liefern da Kellner im Café bei der Bestellung. Was meinen Sie, macht es einen Unterschied, ob der Kellner auf die Bestellung mit „Kein Problem“ oder „Gerne“ antwortet? Wer hat wohl mehr Freude am Bedienen des (trinkgeldgebende) Kunden? Und was denken Sie: Welcher Gast fühlt sich bei welcher Aussage wohler?

Ein guter Weg das Umparken der Gedanken zu erreichen, ist die Konzentration darauf, bewusst auf negative Wörter zu verzichten und keine Sätze mehr in Kombination mit nicht oder nein zu verwenden. Es hilft, positiv zu formulieren, d.h. „sich Aufgaben zu stellen und sie zu lösen“, statt „Probleme zu beseitigen“. Oder die Formulierung „es ist durchaus machbar“ setzt ein ganz anders Signal im Bewusstsein als „das ist aber nicht unkompliziert“.

Sie denken, das ist ja alles sehr weit hergeholt? Dann machen Sie mal einen Abend mit dem/der Partner/in oder Freunden ein Spiel daraus, gezielt darauf zu achten, wie oft nicht oder nein bzw. negativ behaftete Wörter ganz unbewusst verwenden werden, obwohl die Aussage tatsächlich positiv sein sollte. Und wenn Sie schon dabei sind: Streichen Sie gleich auch mal das Wort „aber“ aus dem Wortschatz. Denn das ist sehr beliebt, weil es so schön relativiert und Optionen offen lässt.

Der Autor ist Systemischer Coach, Kommunikationspsychologe (FH) und Heilpraktiker für Psychotherapie. Er coacht Menschen bei Herausforderungen, die das Leben privat oder beruflich mit sich bringt.


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