DIE KOLUMNE – Südliches Ostfriesland: Mit „Fremdenzimmern“ eine Erfolgsgeschichte gestartet

Artikel teilen

Südliches was? Diese Frage wurde Mitte der 1980er Jahre nicht selten gestellt, als in der Kreisverwaltung Leer im Bereich des Amtes für Wirtschaftsförderung darüber nachgedacht wurde, die ersten kleinen Pflänzchen des Tourismus – vorrangig im Fischerdorf Ditzum, in Westoverledingen und im Leda-Jümme-Gebiet mit den Campingplätzen an den Freizeitseen – zusammen zu führen. „Südliches Ostfriesland“ sollte als Marke die Touristen von der Küste ins Hinterland locken. Wer damals vorausgesagt hätte, dass dreieinhalb Jahrzehnte später knapp unter einer Million Übernachtungen im Nordsee-Hinterland in den elf beteiligten Kommunen registriert werden, der wäre wohl ausgelacht worden.

1985 wurde im Kreishaus der Grundstein für die touristische Erfolgsgeschichte gelegt. Es begann 1986 mit einem halbformartigen DIN-A-4-Gastgeberverzeichnis in Schwarz-Weiß- Druck und der Beteiligung an zwei Messen. Daraus ist über die Jahrzehnte eine hochmoderne touristische „Vermarktungsmaschine“ mit modernsten digitalen Formaten und kundenorientiertem Service geworden. Heute sorgt die Branche für einen millionenschweren Umsatz in die Region. Jeder Gast gibt pro Übernachtung – so ermitteln die Statistiker – etwas über 68 Euro aus. Das Wachstum an teils sehr hochwertigen Hotels und zahlreichen Ferienunterkünften in der Region untermauert dies. Deutlich wird die Veränderung beim Blick auf ein Wort: In den Anfängen war bei den Vermietungen noch von „Fremdenzimmern“ die Rede. Heute sind auch im südlichen Ostfriesland die Fremden gerne gesehene Gäste, die schöne Zimmer und Unterkünfte nutzen.

Ganz wesentlicher Faktor für die Entwicklung des Tourismus im Kreis Leer ist der Radtourismus. Exakt vor 30 Jahren Mitte 1992 wurde mit der Eröffnung der Fehnroute der erste Akzent gesetzt. Weit bevor deutschlandweit der Radtouren-Tourismus zu einem Trend wurde, schafften die Macher – der heutige Geschäftsführer Kurt Radtke ist seit 1994 dabei, als der Kreis eine Tochtergesellschaft gründete, um die Aktivitäten noch mehr zu professionalisieren – ein Alleinstellungsmerkmal. Mit der Dollard-Route sollte wenige Jahre ein weiteres grenzüberschreitendes Erfolgsangebot folgen. EmsRadweg, Paddel & Pedal und weitere, kleinere Angebote sorgen dafür, dass kontinuierlich „Leben in der Bude“ ist.

Aktuell boomen die Radrouten wie nie. Knapp 200 Gruppen haben bereits in diesem Jahr das Routenangebot mit Gepäcktransfer von Unterkunft zu Unterkunft genutzt. Tendenz steigend, wie auch die extra eingerichtete Fahrradfahrer-Zählstation in Soltborg untermauert. Auch dort wird 2022 ein neuer Rekordwert an „Pedalrittern“ erwartet.

Grundlagen des Erfolges sind neben guten Marketingideen und den dann doch wohl anders als in den 1980er Jahren erwartet attraktiven Destinationen – so heißt das bei den Touristikern, wenn man einen reizvollen Ort oder Aktivität anbieten kann – vor allem die Serviceorientierung. Auch hier hatten die Macher ein gutes Näschen. Bereits 1994 – weit vor dem Durchbruch des Internets – wurde eine EDV-gestützte Buchungssoftware eingeführt, so dass Urlaubsinteressierte sofort wussten, ob die gewünschte Unterkunft frei ist. Diese Software war dann auch die Basis für die dann folgenden digitalen Buchungs- und Informationsmöglichkeiten, für die es Anfang der 2000er Jahre nationale Preise als Vorreiter für die „Buchungsdigitalisierung“ gab. Zuletzt hat man kurz vor der Corona-Pandemie den digitalen Vertrieb optimiert – genau zum richtigen Zeitpunkt, wie sich herausstellen sollte. Für die nächsten Jahre sind weitere Aktivitäten angedacht – mit dem Blick über den Tellerrand. Bei aller Fokussierung auf das Südliche Ostfriesland haben die Macher, die heute am Hafen in einem während der Planungs- und Bauphase viel diskutierten Neubau am Leeraner Hafen ihr passendes Zuhause haben, stets auch die Netzwerk-Projekte bzw. Partnerschaften mit den angrenzenden Niederlanden und Nachbarregionen erfolgreich im Blick gehabt.

Bei all‘ den Statistiken, für die Touristiker durchaus bekannt sind, haben sie eine Zahl nicht ausgewertet: Wie viele Einheimische haben in den zurückliegenden drei Jahrzehnten eine der Fahrradrouten durch das Kreisgebiet selbst zurückgelegt? Die, die es gemacht haben, sind – diese Rückmeldung haben die Gästeexperten in Leer – zufrieden und beeindruckt. Denn wer die Routen, die eben nicht nur von A nach B, sondern an den schönen Ecken vorbeiführen, abfährt, der lernt seine Heimat von einer weiteren Seite kennen. Und das neue Beschilderungssystem, das regionsübergreifend von Knotenpunkt zu Knotenpunkt führt, eine frisch aufgelegte Radwanderkarte sowie eine moderne App (www.grenzenlos-altv.de), die alle Möglichkeiten der aktiven Freizeitgestaltung erfasst, sorgen dafür, dass jeder, der auf unbekannten Wegen unterwegs ist, auch wieder nach Hause findet.

Foto: Deutsche Fehnroute

Rückblick:

Kolumne: Rauf auf’s Rad für Fitness, Umwelt und Bürgermeisterkandidat

Holger HartwigDIE KOLUMNE – Südliches Ostfriesland: Mit „Fremdenzimmern“ eine Erfolgsgeschichte gestartet